Das Verschwinden des Corpus Christi

PROLOG

Es gibt viele Geschichten. Genau genommen so viele wie es Menschen gibt. Und obwohl manche Geschichten nur einzelne Menschen betreffen, gibt es solche, die gleichzeitig sehr viele oder sogar uns alle betreffen. Dies ist so eine Geschichte. Und zudem ist es eine Geschichte, wie sie noch nie erzählt wurde, weil das, was hier beschrieben wird, noch niemals zuvor geschehen ist - bis zu jenem besonderen Tag …

Wir befanden uns in einem Jahrhundert, in dem das Weltklima sich verändert hatte. Der Raubbau der Menschen zeigte sich überall. Die Polkappen schmolzen, der Meeresspiegel stieg, Industrienomaden hinterließen vergiftete Erde und Wasser, ausgefischte Meere, oder kurz: zerstörte Natur.

Unser selbstzerstörerisches Verhalten machte nicht vor der Natur, die unser aller Lebensgrundlage ist, halt. Dachten die meisten Menschen, der 2. Weltkrieg hätte uns endgültig vom Irrglauben befreit, man könne mit Gewalt ein „Friedvolles Reich“ schaffen, gab es leider einige Staatsoberhäupter und menschliche Zusammenschlüsse, die ungeachtet der leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit weiterhin Krieg „spielten“.

Ganz so, als habe es niemals die Möglichkeit gegeben, friedlich miteinander zu leben und zu kommunizieren. Als wäre die gewaltfreie Kommunikation niemals erfunden worden, als hätte es keine Friedensnobelpreisträger, keine Friedensbotschafter und Friedensinstitutionen gegeben.

Als gäbe es nicht genügend Mahnmale und Erinnerungen an die Absurdität von Gewalt und Krieg.

Und die Mehrheit der Menschheit stellte sich wieder einmal die Frage: wie konnten solche Staatsoberhäupter an die Macht gelangen? Wer wählte sie? Welch krankes Gedankengut hatten diese „Führer“ in ihrem Kopf? Und hatten sie kein Herz? Keine Familie? Niemanden, den sie mehr liebten als ihre Machtgier, Herrschsucht und ihre Gewaltbereitschaft, die nicht halt vor tausenden Unschuldigen machten?

Nach dem 11. September 2001 erwarteten viele Menschen den 21. Dezember 2012. Einige hatten Angst, dass furchtbare ‑ vorhergesagte - Katastrophen eintreten könnten. Andere hofften darauf, dass von nun an das „Goldene Zeitalter“ kommen würde. Und viele belächelten, wenn auch aufatmend, dass alle Vorhersagen wieder einmal nur „heiße Luft“ gewesen waren, als scheinbar nichts Sichtbares passierte.

„Well, the world turns …“, wie es einst Elvis Presley sang? Gerade als es so schien, als würde die Welt sich „einfach so“ weiter drehen wie bisher, da geschah etwas, dem sich NIEMAND entziehen konnte, egal ob religiös oder nicht, weil es überall geschah …

Unsere Geschichte beginnt an jenem besonderen Tag, als ein erinnerungswürdiger Vorfall unsere Sichtweise auf diese Welt verändern sollte.

Für immer …

 

Kapitel I
Corpus Christi

Südamerika, Peru,
eine Kirche
21. Dezember, 00:04 a.m.

Claudio hatte Angst. Er lag versteckt in der Kirche und beobachtete fassungslos, was vor ihm geschah …

Wer waren die? Was wollten sie hier? Nur nicht bemerkt werden. Wer weiß, was sie mit ihm machen würden, wenn sie ihn sähen …

Plötzlich war dieses Licht da - grell und blendend - um ein paar Sekunden später wieder verschwunden zu sein, als sei nichts geschehen.

Doch es gab einen Zeugen, dass etwas geschehen war. Claudio blieb noch etliche Minuten liegen, starr vor Angst, in der Hand die uralte Kamera seines Vaters, mit der er den Vorfall festgehalten hatte …

Nordamerika, Kanada, Vancouver,
Mike Naimount‘s Wohnung
21. Dezember, 06:52 a.m.

Es war ein kühler Dezembertag. Ich wollte gerade aus dem Haus gehen, als mein Telefon klingelte. „Hallo?“, meldete ich mich, während ich meinen Mantel zurechtzupfte.

„Mike! Hast Du es schon gehört?“

Es war die Stimme von Samuel, meinem besten Freund. Und er klang ziemlich aufgeregt.

„Was gehört, Sam?“, fragte ich in der Kurzform, die ich immer dann wählte, wenn etwas schnell gehen musste.

„Das mit den Kreuzen! Es ist verrückt!“

Ich kniff die Augen zusammen, warf einen Blick zur Uhr und sagte: „Sam, ich wollte gerade aus dem Haus. Mein Bus fährt in knapp zwei Minuten. Wir sehen uns ja gleich bei Julie und reden da. Bin in knapp 15 Minuten bei Dir. Bestell doch schon mal Frühstück.“

„Ok, Mike – schneller könnte ich Dich auch nicht abholen. Es ist unglaublich! Du wirst … - bis gleich!“

Samuel wusste, wie ungern ich mit dem Handy telefonierte. Aber so wichtig war fast nichts, dass es nicht ein paar Minuten warten könnte.

Ich ging nachdenklich aus dem Haus und grüßte im Vorbeigehen meine Nachbarin, die immer früh auf war und freundlich zurückgrüßte. Sie spürte an meiner Art, dass ich es wieder mal eilig hatte meinen Bus zu erreichen.

Was Samuel wohl meinte? ‚Das mit den Kreuzen! Es ist verrückt! Es ist unglaublich!‘, hallten seine Worte in mir nach, während ich die Straße zur Haltestelle überquerte. Noch knapp eine Minute, bis der Bus fuhr.

Ich schüttelte den Kopf, atmete tief durch und schaute gen Himmel, wo gerade der sich anbahnende Sonnenaufgang zu sehen war. Es war ein wunderschöner Anblick. Der Bus war überpünktlich und so sollte ich in der Tat knapp zehn Minuten später bei Julie’s Café ankommen.

Die Busfahrt war bemerkenswert. Trotz des frühen Morgens redeten etliche Fahrgäste wild durcheinander; an den Haltestellen bot sich mir ein ähnliches Bild! Es musste in der Tat etwas sehr Merkwürdiges geschehen sein, wenn es so viel Aufruhr gab. Ich war gespannt auf Samuels Ausführungen, zückte mein Tagebuch und machte mir kurz vor der Ankunft ein paar Notizen …

Auszug aus meinem Tagebuch, 21. Dezember d. J.,
Samuel rief mich kurz vor 7 aufgeregt an, sagte „Das mit den Kreuzen! Es ist verrückt! Es ist unglaublich!“
Ich vermute, dass irgendwelche Schänder in Kirchen am Werk waren. Im Bus zu Julie reden die Menschen ungewöhnlich aufgeregt durcheinander … Die Wörter Kreuz und Christus fallen immer wieder … Vielleicht hätte ich Samuel doch ausnahmsweise am Handy fertig erzählen lassen sollen … Aber ich werde es ja gleich erfahren …

Ich stieg aus und ging Richtung ‚Julie’s‘, das nahe der Haltestelle lag. Es war unser Stammcafé und ‑restaurant seit knapp vier Jahren.

Julie´s Café war etwas Besonderes: das Gebäude bestand aus Holz und Glaswänden und es gab schräge gläserne Deckenelemente, d.h. man konnte beim Essen großzügig nach draußen und in den Himmel schauen. Zudem war es der einzige Platz weit und breit, wo Menschen mit Allergien, Vegetarier, Veganer und Rohköstler voll auf ihre Kosten kamen.

Der Kunde genoss größte Aufmerksamkeit. Hatte er eine Unverträglichkeit oder besondere Vorlieben, wurde extra für ihn ein Gericht zusammengestellt. „Geht nicht – gibt‘s nicht!“, war die Devise von Julie, die damit jedem Menschen die Garantie gab, dass er hier etwas zu essen erhielt, ganz gleich, welche Allergien er hatte. Und das schien in unserer Zeit ein sehr häufiges Problem zu sein. Julie hatte ein junges Team aus erfahrenen Köchen, die mit viel Liebe frische, stets ökologische und schmackhafte Gerichte zubereiteten. Es kamen nicht nur viele junge Menschen hierher, sondern auch immer mehr ältere Menschen, die nach wenigen Mahlzeiten die wohltuende Wirkung einer naturbelassenen Nahrung auf ihren Körper spürten.

Europa, Frankreich,
eine Kirche in einem kleinen Dorf
21. Dezember, 10:03 a.m.

Vier Männer in Umhängen durchwanderten in jenen Minuten ein kleines Dorf. Ihr Ziel war die Kirche. Seit langem schon Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt, die das Dorf in unregelmäßiger Zahl besuchten.

Man wollte Gewissheit. Dies hier war immerhin nicht irgendein Dorf, sondern eines mit einer großen Geschichte, rankten sich doch so viele Geschichten um diesen Platz. Und so erschien es nur vernünftig, diesen Ort einer Prüfung zu unterziehen …

Als sie die Kirche öffneten, sahen sie sich kurz um. Es war niemand zu sehen. Schnell eilten sie hinein und machten Licht. Sie wurden bleich und einer der Männer rief angstvoll aus:

„TERRIBILIS EST LOCUS ISTE!“

Nord-Amerika, Kanada, Vancouver,
Julie´s Café,
21. Dezember, 07:06 a.m.

Als ich eintrat, war ich mitten in einer Diskussionsrunde! Dass es bei Julie´s hin und wieder turbulent herging, das war nichts Neues, aber DAS …

Samuel winkte mir von unserem Stammplatz aus zu und verteidigte eisern meinen Stuhl. Ich setzte mich, hob die Schultern, zeigte mit den Händen in die Runde und fragte, etwas lauter als üblich: „Sag schon, Sam, was ist hier los? Ist der Papst gestorben? Sind Außerirdische gelandet?“

Samuel wirkte sehr ernst, als er antwortete: „Wenn es nur das wäre! Sämtliche Kreuze sind leer, Mike! Es ist nicht nur so, dass sie leer sind, sondern es sieht so aus, als wäre nirgends jemals eine Christusfigur drauf gewesen!“

„Moment, Samuel.“, erwiderte ich und hob die linke Hand, um das eben gesagte zu verdauen. „Du willst mir sagen, in jeder Kirche in der ganzen Stadt gibt es kein einziges Kreuz mehr mit einer Christusfigur?“

Samuel beugte sich nach vorne und schaute mir eindringlich in die Augen.

„Nein, Mike, nicht nur hier in der Stadt, sondern in jeder Stadt und in jedem Dorf, in jedem Land …“, Samuel nickte bei jeder Aufzählung mit dem Kopf und redete bemerkenswert langsam, als er hinzufügte: „… auf scheinbar JEDEM Kirchenkreuz in der ganzen Welt ist der Corpus Christi verschwunden …“

Asien,
ein Kloster im Himalaya
21. Dezember, 07:55p.m.

„Wie wir hören, sind in allen christlichen Orten die gleichen Phänomene aufgetreten, Meister Hong Li“, sagte Meister Yeng.

„Die Energien sind spürbar. Aber die Welt weiß nichts von dem Ausmaß. Es gibt Hinweise auf Wesen, welche …“ Mitten im Satz verstummte Meister Hong Li, als ein Schüler an der Tür erschien und Tee brachte.

Die Meister nickten ihm zu, während er einschenkte. Der Schüler verneigte sich und verließ den Raum.

„… auf Wesen, die wir ebenfalls kennen. Wesen, die bereits vor tausenden Jahren in unseren Schriften erwähnt wurden.“, beendete Hong Li seinen Satz.

„Aber wir wissen nicht, was sie bewegt hat, zurück zu kommen, wir wissen auch nicht, was ihre Absicht ist. Und wir wissen vor allem nicht, ob ihre Taten, wenn es denn die ihrigen sind, nur die Christus-Verehrer betrifft.“

„Wie meint Ihr das?“, fragte Hong Li.

„Wer kann uns sagen, ob nicht als Nächstes Buddhastatuen verschwinden, oder andere religiöse Figuren, die angebetet werden?“

„Niemand. Ihr habt recht. Aber wir müssen wachsam sein, was in den nächsten Tagen und Wochen geschieht. Vielleicht war dies nur der Anfang …“

Nordamerika, Kanada, Vancouver,
Julie´s Café
21. Dezember, 07:10 a.m.

Ich schaute Samuel mit etwas schräg geneigtem Kopf an, wie ich es immer tat, wenn ich sehr konzentriert war. „Was heißt weg, Sam? Wie?“

„Weg heißt weg, Mike! Von eben auf jetzt. Weggebeamt, aufgelöst, was weiß ich!“

Ich schüttelte den Kopf. „Was zur …“ Ich hielt gedanklich inne und formulierte um, während ich mich zurücklehnte. „Was geht hier vor?“ Ich holte tief Luft, schaute in die Ferne und ließ meinen Blick kreisen, um zuletzt wieder Samuel anzuschauen.

In diesem Moment kam Julie und brachte uns Frühstück IV. „Einen schönen guten Morgen, Mike!“, begrüßte sie mich wie immer herzlich lächelnd. Ich begrüßte sie ebenfalls, während sie mir Tee servierte und Samuel den duftenden Kaffee wie immer selbst einschenkte.

Ich nickte ihr dankend zu und sagte, immer noch irritiert über das, was ich gerade von Samuel erfahren hatte: „Julie, Du kommst genau richtig. Sag, was hältst Du von den veränderten Kreuzen?“

Julie hielt kurz inne und schaute etwas ernster als sonst. „Ich weiß nicht so recht, Mike, aber irgendwie ist das unheimlich …“

„Unheimlich gut oder unheimlich schlecht?“, erwiderte ich grinsend und legte meine Arme bequem verschränkt auf den Tisch.

„Das weiß ich eben nicht. Und genau das macht mir Angst.“

„Angst?“, warf Samuel fragend ein. „Wovor?“

Ich nahm einen Bissen und kaute voll Spannung, während Julie ihre Meinung kund tat und abwechselnd Samuel und mich anschaute.

„Es gibt nur zwei Wesen, die so etwas tun könnten. Es sei denn, man ist so dumm zu glauben, es wäre ein Scherz von Menschen gewesen!“

„Und wen meinst Du damit?“, fragte ich, einen Schluck Tee nehmend.

Julie erschien mir noch viel ernster. So hatte ich sie noch nicht erlebt. Sie sprach mit einer solchen Ehrfurcht - ja, mit einer ernsthaften Furcht - wie ich es von ihr nicht gewohnt war.

„Entweder war es Gott, was dann positiv wäre, oder es war …“, Julie schaute sich um und beugte sich näher zu uns: „… Satan …“

Samuel rieb sich mit der Hand übers Gesicht und schaute ebenso nachdenklich wie ich. Und wir beide fanden ihre Mutmaßung nicht einmal abwegig. Denn im Ernst: Welche Organisation konnte so etwas mit solcher Geschwindigkeit bewerkstelligen? Welche Technik war vonnöten, Kreuze so zu bearbeiten - und das ohne bemerkt zu werden - dass kein Hinweis mehr auf das war, was vorher Jahre, Jahrhunderte an ihnen gehaftet hatte? Julie hatte das ausgesprochen, was auch wir dachten. Und unsere Tischnachbarn saßen ebenso betreten da, teilweise zustimmend nickend …

„Ja, Julie, aber egal, wer es von beiden war: es gibt Hoffnung!“, erwiderte ich und lehnte mich zurück.

„Wie meinst Du das?“, fragte Samuel, während Julie interessiert in meine Augen schaute.

„Wenn es Gott war, dann haben wir jetzt einen unwiderlegbaren Beweis. Wenn es Satan war, haben wir ihn ebenfalls, denn entweder es gibt das Göttliche oder eben nicht. Und wenn es die Finsternis gibt, dann gibt es auch das Licht. Ich sehe es als den Beweis für alle die, die Gott bisher abgelehnt haben.“

Beide atmeten auf. „Ok, Mike, das beruhigt mich. Von der Seite betrachtet hast Du recht. Dafür gibt es ´ne Tasse Kaffee gratis!“, sagte Julie.

„Ich dachte, beim Frühstück wäre sowieso Kaffee inklusive, Julie.“, sagte ich lächelnd.

„Und eine davon ist der Beweis, dass es einen gratis gibt, ganz gleich, wie viele Du trinkst.“ Sie lief lächelnd davon.

Sam lachte. „Ach ja, Julie … was nun, Mike? Was denkst Du?“

„Ich denke …“, ich schaute Samuel in die Augen, nahm einen Schluck frisch gepressten Saft, atmete tief durch und fuhr fort „… dass ich dieses Frühstück liebe!“

„Mike, im Ernst! Was meinst Du dazu?“

„Im Ernst, Samuel: Ich weiß nicht, was ich davon halten soll … so wie es aussieht … waren wohl höhere Mächte am Werk. Aber abgesehen von ein paar Bildern und ein paar Aussagen im Fernsehen weiß ich nicht, ob wirklich alle Kirchenkreuze leer sind …“

Ich zeigte dabei auf einen Bildschirm in nächster Nähe. Es war ein schöner Einfall von Julie. Man konnte in verschiedenen Bereichen einen Bildschirm aktivieren. Meist liefen ausgewählte Musiksender, aber heute waren Nachrichten angesagt … Kleine Headsets waren am Tisch befestigt, so dass jeder, den es interessierte, mithören konnte. Selbstverständlich gab es auch „fernseh- und radiofreie Zonen“.

Nach dem nächsten Bissen und einem Schluck Tee fragte ich: „Sam, die Polizei hat doch bestimmt schon eine Menge ‚Tatorte‘ untersucht, oder?“

Samuel nickte zustimmend. „Trotz meines Urlaubes habe ich bei Kollegen meiner Dienststelle und auch drüben bei Jacob nachgefragt.“

„Jacob?“, hakte ich nach, hob aber gleich darauf die Hand, als es mir wieder einfiel. „Ich erinnere mich.“

Jacob war ein alter Freund von Samuel aus den USA. Er leitete ungefähr 600 km von hier eine eigene Dienststelle. Samuel hatte mir hin und wieder von ihm erzählt …

Ich nickte Samuel zu, worauf er fortfuhr: „Alle bisher von der Polizei untersuchten Kirchenkreuze sind leer! Es gibt keine Spuren! Keine Fingerabdrücke und keine Kratzer, die auf Werkzeuge hinweisen; noch nicht mal die Türen oder Fenster sind beschädigt! Hätten wir irgendwas gefunden, dann hätte ich Dir das schon gesagt. Aber weltweit tappt die Polizei offensichtlich im Dunkeln …“

„Gab es schon irgendwelche Bekennerschreiben?“, fragte ich etwas ironisch.

„Na ja, Du weißt, dass es davon in solchen Fällen nur so hagelt. Aber vergessen wir die erst einmal.“

„Weißt Du sonst noch irgendetwas, was noch nicht durch die Nachrichten ging?“

Samuel beugte sich vor, trank Kaffee und fuhr fort: „Im Vatikan und in sämtlichen Regierungsspitzen finden Krisensitzungen statt. Die haben wohl ebenfalls keine Hinweise, wie das geschehen konnte. Ich sag‘ Dir was: denen wackelt ganz schön der Frack! Die haben Angst. Und das ist ja auch gar nicht so verkehrt. Denn da hat jemand gezeigt, dass er über eine unglaubliche Macht verfügt und zudem wohl etwas gegen das Kruzifix hat …“

„Aber Christus war nicht nur auf den katholischen Kreuzen verschwunden, oder?“, hakte ich nach.

„Nein. Wie es momentan aussieht in sämtlichen Kirchen der Welt, in denen ein Kreuz mit Corpus hing …“ Samuel schüttelte den Kopf und tippte sich mit der linken Hand an die Schläfe, als könne er es nicht glauben. „Ich kann es immer noch nicht fassen. Einfach unvorstellbar.“

„Mir geht es genauso, Samuel.“ Wir wendeten uns wieder unserem Essen zu. Plötzlich war Ruhe an allen Tischen, als im Fernsehen ein weiterer Bericht zu sehen war. Er begann mit einem Kruzifix, von welchem sich langsam der Leib Christi löste und verschwand …

„Nach aktuellem Stand gibt es offenbar kein einziges Kreuz mehr, das den Corpus Christi zeigt. Auch Arma-Christi-Kreuze sind betroffen. Interessant ist, dass bei diesen auch nur der Corpus verschwunden ist. Es ist eine Unfassbarkeit! Ich verbinde uns nun mit unserem Mann vor Ort.“

Ich grinste bei der Bemerkung „Unfassbarkeit“.

„Arma-WAS?“, fragte Samuel, während der Fernsehsprecher mit Mühe seine Aufregung unterdrückte.

„Arma-Christi-Kreuze, Sam. Das sind Kreuze, an denen Gegenstände befestigt sind, die in Zusammenhang mit der Kreuzigung Jesu stehen. Jesus selbst ist nicht zwingend auf diesen Kreuzen …“

„Man lernt nie aus, Mike. Da kenne ich so viele Bibelstellen, aber Arma-Christi-Kreuze müssen an mir vorüber gegangen sein.“

Ich lächelte. „Man kann halt nicht alles wissen, Samuel.“

Der Fernsehsprecher überschlug sich fast ‑ verständlicherweise ‑ und leitete dann zu den verschiedensten Lokalitäten in aller Welt über, wo ehemalige Kruzifixe, jetzt ohne Corpus Christi, gezeigt wurden …

Dann war ein hoher Kirchenvertreter aus dem Vatikan zu sehen, der von „einem bösen Omen“ sprach. Er sagte, es könne das Böse sein, welches uns das Leiden Jesu aus dem Gedächtnis streichen wolle, aber dass wir dies nicht zulassen sollten. Wir dürften keineswegs das Leid und Opfer Jesu vergessen. Wir müssten es uns stets vor Augen halten …

„Ich glaub´ das nicht, Mike!“, rief Sam sichtlich erregt, „die haben keine Ahnung was los ist und nutzen das auch noch aus, um den Menschen ihre Version einzureden.“

„Hey Mann, halten Sie doch mal den Mund! Was wollen Sie überhaupt? Er hat doch recht!“, rief ein Mann zwei Nachbartische weiter.

Sam drehte sich gemächlich um. Oh je, kam es mir in den Sinn. Ich kannte das, lehnte mich zurück - und lächelte …

„Hat er das?“, fragte Samuel überfreundlich.

„Ja, hat er. Es wäre nicht schlecht, öfters mal des Leides Christus oder anderer Menschen zu gedenken.“, entgegnete der Tischnachbar überzeugt.

„Nun, wenn ich Sie fragen darf, ist schon mal jemand aus ihrer Familie gestorben?“

Der Tischnachbar wirkte perplex. „Ja, sicher doch. Aber was hat das damit zu tun?“

„Woran ist dieser Jemand gestorben?“, hakte Samuel in ruhigem Ton nach.

Wieder hielt der Mann am Nebentisch kurz inne, überlegte und sagte: „Nun ja, meine Großmutter zum Beispiel an Krebs, mein Großvater an einem Herzinfarkt wie viele andere Menschen auch. Aber was soll die Frage?“

Sam machte beharrlich weiter. „Und wenn Sie jetzt ganz spontan an jene Menschen denken, die Sie sicherlich sehr geliebt haben, woran denken Sie dann?“

Dieses Mal antwortete der Mann besonders schnell: „Na, was für gute Menschen sie waren und wie viel wir miteinander erlebt haben, wie sehr sie mich geliebt haben und dass ich sie vermisse …“

„… und - verzeihen Sie mir - denken Sie nicht daran, wie sie qualvoll in Schmerz verendet sind? Denken Sie nicht ständig an das Leid zum Zeitpunkt ihres Todes? DAS sollten Sie doch stets vor Augen haben, so wie es ‚Hochwürden‘ geraten hat …“ Sam drehte sich wieder um und schüttelte den Kopf: „Leid vor Augen halten!“ Dann neigte er sich noch einmal in den Raum zu dem perplex dreinschauenden Mann.

„Wissen Sie was, ich bin Polizist. Ich erlebe tagtäglich unzähliges Leid, bekomme es jeden Tag hautnah mit. Glauben Sie, dass dies die Erfüllung ist? Es ist die Hölle! Die schönsten Tage sind jene, wo ich einer Frau ihren Hund zurückbringe und sie sich freut oder ein Kind von einem Hochhaus hole und es sich nicht runter gestürzt hat.“

„So war das auch wieder nicht gemeint. Regen Sie sich nicht so auf!“, sagte der Mann etwas leiser als zuvor.

„Nein? Wie denn? Was glauben Sie, wie Christus es gemeint hat, als er davon sprach, ihm nachzufolgen? Dass wir uns alle ans Kreuz nageln lassen sollten und diese Tradition auch noch hochhalten? Glauben Sie, er meinte, ein ‚hochheiliger Greis‘ solle solchen Blödsinn im Zusammenhang mit seiner Kreuzigung erzählen? Als wäre es das Höchste, Christus im Moment des Leidens in Erinnerung zu halten! Als wäre seine Lehre auf Leid aufgebaut worden!

Glauben Sie, Gott, geschweige denn Christus, haben das gewollt? Letzterer hat wahrlich nicht Leid als Triebfeder des Glaubens gelehrt, sondern die Herrlichkeit Gottes und seiner Schöpfung gepriesen. Zeigen Sie mir die Bibelstelle, wo er uns auffordert, uns Leid und Schmerz stets vor Augen zu halten?“

„Hören Sie, ich will keinen Ärger. Und schon gar nicht mit der Polizei. Das ist auch gar kein Grund, so über die Kirche zu reden. Sie tut auch viel Gutes!“

Der Mann war sichtlich erschlagen von den Argumenten. Langsam tat er mir leid. „Sam, ist gut, komm, trink Deinen Kaffee …“

„Genau, Sam, mach mal Pause!“, sagte Julie, die das Gespräch mitverfolgt hatte und gerade mit einer duftenden Kanne Kaffee vorbei kam und die Tassen füllte.

Samuel atmete tief durch. „Ich bin sofort still. Nur eines noch: Hören Sie“, Samuel drehte sich erneut in Richtung des Mannes, „nicht dass Sie das falsch verstehen: meine Worte richten sich nicht gegen den Glauben oder Religion. Was ich zu Ihnen sagte, betrifft ganz alleine jene Aussagen, die nur einzelne Meinungen und Ansichten sind, aber als allgemeingültig für eine Religion dargestellt werden.

Sehen Sie, wenn ein Unternehmen gute Mitarbeiter hat und gute Produkte herstellt, dann kann ich doch trotzdem die unlogischen Aussagen eines Managers oder Abteilungsleiters ansprechen, oder? Das ändert doch nichts daran, dass die Mitarbeiter eine tolle Arbeit leisten! Aber sehen Sie, was passiert? Ich sage etwas gegen die Aussage eines hohen Kirchenvertreters und Sie assoziieren, ich würde etwas gegen die Kirche sagen. Genau DAS ist die Gefahr, die ich in solchen Aussagen von jenen sehe, die eine hohe Position begleiten! Man identifiziert ihre Aussage mit der gesamten Institution - und schon hat man sie als ‚allgemeingültig‘ akzeptiert …“

Der Mann hielt kurz inne, überlegte sehr ernsthaft und sagte dann: „Ich kann Ihnen da leider nicht widersprechen. Ich hab das ehrlich gesagt noch nie so gesehen. Aber es stimmt. Ich denke nicht an das Leid meiner Lieben, sondern an jene positiven und schönen Momente mit ihnen. Und Sie haben recht. Es ist eigentlich traurig, dass wir sofort die Kreuzigung, das Leid und den Tod vor Augen haben, wenn wir an Jesus denken. Wir sollten wirklich mehr an seine Worte des Mitgefühls, der Nächstenliebe und das, was er uns vorlebte, denken …“

Samuel lächelte: „Sie sehen, wir sind in Wahrheit derselben Meinung. Und genau so sehe ich das auch. Mitgefühl zu haben ist etwas anderes, als permanent das Leid eines anderen vor Augen zu halten und darin zu versinken …“ Samuel nickte dem Mann wohlwollend zu und dieser lächelte ebenfalls zurück. Es war sehr schön, dass nun wieder Harmonie im Raum zu spüren war …

Julie stand immer noch lächelnd neben unserem Tisch und auf mein erfreutes Ausrufen: „Meine Gratistasse! Danke vielmals, Julie“, schenkte sie mir freundlich ein.

„Gerne, Mike, geht aufs Haus …“, entgegnete sie, ging dann weiter an den Nachbartisch und schenkte dem Mann ebenso freundlich und mit netten Worten ein. Das war Julie! Und das war der Grund, warum ihr Lokal so beliebt war. Der Kunde war kein Störenfried, sondern ein willkommener Freund, der wohlwollend bedient wurde …

Ein neuer Bericht ließ uns aufhorchen.

„… das Gremium der Staatsregenten und Kirchenoberhäupter findet sich bis morgen ein, um über den Sachverhalt zu beraten. Man sieht keinen Grund zur Besorgnis und will über das wirkliche Ausmaß und mögliche Konsequenzen sprechen …“

Ich nahm einen weiteren Schluck Tee und lehnte mich zurück. Der Mann vom Nachbartisch schaute ab und an zu uns rüber. Offensichtlich hatten Samuels Worte ihn zum Nachdenken gebracht. Er konnte ja nicht wissen, was Samuel und mir zugestoßen war und warum dieser so heftig reagierte und sein Ton etwas schärfer wurde, wenn es um bestimmende und verallgemeinernde Worte eines Priesters ging …

Ein gemeinsames Erlebnis war für uns ebenso unfassbar gewesen wie das heutige Spektakel. Nur nicht so weltbekannt. Und ohne dass ich es bewusst wollte, kehrten meine Gedanken seit langem wieder einmal zurück an jenen Ort und zu jener Begebenheit - und ich sah erneut im Geiste vor mir, was uns damals widerfahren war und uns an unsere Grenzen geführt hatte …

 

Vier Jahre zuvor

Entlang der Mauer, im Innersten tief zerrissen, die Angst als mein ständiger Begleiter, nicht gewiss des Seins, des Tuns oder des Werdens ... Vorangetrieben von etwas. Etwas, was ich nicht zu beschreiben vermag, etwas, das in mir, in Dir, in jedem von uns ruht ... Etwas, was - zu einem Zeitpunkt X - eine Aktion Y verursacht, ohne, dass jemand sich ihr entziehen könnte, weil die Macht, die ihr beiwohnt unser innerstes Selbst beherrscht ...

Vorbei an der Mauer, in der ich vor Kurzem dem Grauen gewahr wurde. Weiter voran; mein Blick starr, langsam nach oben schwenkend, bis er sich an einem Zeichen festmacht, das mir Vertrauen, Beruhigung und Geborgenheit schenkt, gleichzeitig aber auch Anklage erhebt, Anklage gegen uns alle und das was wir sind, was wir tun und das, was wir werden ...

Ein Symbol - einfach und unscheinbar - aber mit der Kraft und dem Inbegriff des Glaubens ausgestattet: ein Kreuz ...

„Mike ... Mike!“ Wie aus einem düsteren Traum erwacht, nahm ich das wahr, was um mich herum vorging. Wir waren an unserem Ziel, der Kirche, angekommen. Eine Hand legte sich auf meine Schulter und rüttelte mich zur Besinnung.

„Ja ... ja?“

„Mike, ich verstehe immer noch nicht, was wir hier tun sollen. Es ist ... es ist vorbei. Wir können nichts mehr tun ...“

„Sam ... Sam, Du ... nein! Nichts ist vorbei, Sam! Nichts! Warst Du es nicht, der sagte, dass wir das nicht einfach so auf sich beruhen lassen können?“

„Doch ... Mike ... aber - es, es tut mir leid. Aber was könnten wir noch tun? Alles ist vorbei. Für immer ...“

„Sag das nicht, Sam, bitte ... Ich möchte Dich bitten, da zu sein, ja? Sei einfach nur da - und ... warte auf ein Zeichen von mir, okay?“

Sam fuhr sich durch die Haare, das Reden fiel ihm unendlich schwer. Er nickte heftig. „Ich werde da sein, Mike, ich werde da sein - versprochen! Ich wollte nur sagen, es - es tut mir so leid ... verzeih, ich ... danke, denn Du tust das ja auch für mich.“

Mit starrer Miene blickte ich Samuel an ... ja, mein Freund. Ich wusste, was er fühlte, denn auch in mir loderte der Schmerz, der mich zu verbrennen drohte ... Ich nickte ihm zu und stieg aus dem Wagen und wankte in Richtung der Kirche …

Da ist sie wieder! Ja, erneut ist sie da, ohne dass ich mich ihrer Einwirkung entziehen könnte ...

Was noch? Was fordert sie noch von mir? Ich blicke auf mich herab, mein Sein, mein Tun - alles, was ich jemals war. Meine Augen tasten sich vor, bis mir meine Hände das zeigen, was davon übrig ist ... Das Blut, das Messer, all das, was mein Verstand nicht wahrhaben will, doch die Realität mir erneut aufzeigt. DAS bin ich - das ist, was sie aus mir gemacht hat ... die Stimme!

Mein Ziel war klar, jedoch fragte ich mich, warum ich es ansteuerte? Warum war ich davon so besessen, erneut hierher zu kommen? Vor dem breiten Eingang blieb ich stehen. Über die Polizeiabsperrung, die Stufen hinauf ... Das gewaltige Tor, das den Zugang zu Schutz und Ruhe darstellt, zu Freude und Zuversicht. Der Eingang zum Ort des Guten, der niemals dem Bösen dienen sollte, doch heute nur dem Treiben des Teufels gedient hatte ... Langsam öffnete ich die Tür, um jenen Ort zu betreten, an dem ich vor kurzem alles verloren hatte - die Kirche ...

Samuel blieb eine Weile im Auto sitzen, starrte seinem Freund nach, wie er die Kirche betrat. Seine Gedanken waren ungeordnet - er konnte sie einfach nicht zusammenfügen. Er war müde und wollte eigentlich nur weg von hier; aber er hatte versprochen, da zu sein. Und wenn er auch davon überzeugt war, dass sie hier nichts mehr tun konnten. Nach einer Weile stieg er aus und steuerte den Hintereingang an ...

Ich blickte mich langsam um, folgte den Sitzreihen bis zum Altar ... das Kreuz ... mit leeren Augen verharrte ich direkt davor, ohne zu bemerken, dass ich mich hierher bewegt hatte. Diese Ruhe, die dieser Ort ausstrahlte ... Als wäre alles nur ein Traum, eine Vorstellung in einer anderen Realität ... doch der Blick nach unten: das Blut ... meine Kehle wurde trocken ... die Kreidezeichnungen ...

Meine Augen wurden feucht. Ich hätte am liebsten laut geschrien ... meinen Schmerz hinausgeschrien, um ihn endlich nicht mehr zu spüren ...

Ich senkte den Kopf und schloss die Augen so fest ich konnte, als könne ich so meine Gedanken wieder formen ... als könne ich so eine Erklärung für das Vergangene finden, um dadurch Befreiung zu erlangen.

Warum war ich eigentlich hier? Warum war ich davon überzeugt noch etwas ändern zu können? Welche Stimme in mir hatte mich hierher getrieben?

‚Er kommt! Gehe und vollende Dein Werk! Gehe zu ihm, er erwartet Dich ...‘

 

Nein, nein will ich sagen ... will mich von diesem Wahnsinn befreien, von dieser Bösartigkeit meines Selbst ... doch ich handle nicht so. Ich gehe meinen Weg voran ... um ihn zu treffen, um meine Aufgabe zu beenden ...

In meinem Schmerz, mit mir allein, in dieser vollkommenen Situation der Stille, des in sich Verharrens, frage ich mich nach dem Sinn - nach dem Warum, sehne ich mich nach Hilfe ...

Kann es einen Gott geben, der so etwas zulässt? Und das hier, in ‚Seinem‘ Haus ... oder ist es der Teufel, der dieses Haus beschmutzen will?

Doch glaube ich nicht an diesen Gott, dann gibt es auch keinen Teufel ... doch wer ist dann verantwortlich? Wer hat das Alles dann zugelassen? All diese Taten in der Welt, derer wir im Ungewissen sind - sind dann nicht WIR dafür verantwortlich? Jeder für sich ...

Ich öffnete die Augen und blickte in das Gesicht des leidenden Jesu. War das die vermeintliche Strafe Gottes? Das Leiden eines Sohnes, SEIN Leiden auf uns Menschen zu übertragen? Damit WIR diesen Schmerz mit ihm teilen? Damit mit diesem Schmerz die Erinnerung bleibt? Welche Erkenntnis sollten wir Menschen daraus ziehen? Und warum sollte Gott uns alle „strafen“?

Hatten nicht Menschen Jesus verurteilt, gedemütigt und ans Kreuz gehängt? Sollten nicht DIE Menschen dafür leiden? Was für einen Sinn sollte es haben, viele für das Leiden zu lassen, was ein paar Wenige getan hatten? Oder anders herum: warum sollte ein einzelner Mensch für alle anderen leiden?

Das klang doch etwas zu sehr nach einem „Souleater“, der die bösen Taten anderer Menschen „einsaugte“, damit jene einfach so weiter leben konnten wie bisher. Nein, ich glaubte nicht, dass die Kreuzigung, wie so oft geschildert, die Erlösertat war, damit wir alle frei sind, ohne etwas dafür tun zu müssen! Das machte keinen Sinn! War nicht seine Lehre vom liebenden Gott die wahre Erlösung? Und würden wir alle nicht tagtäglich Erlösung erfahren, wenn wir danach strebten? Wenn wir friedfertig miteinander lebten und nicht zum Leid anderer beitrugen …

Samuel wurde unruhig. Etwas trieb ihn an, die Tür zu öffnen, etwas in ihm brachte ihn dazu, einzutreten ...

Ein Geräusch riss mich aus meinem Gedankenstrom und ließ mich herumfahren. Durch den Tränenschleier schaute ich und suchte den Verursacher ... Der Anblick lähmte mich, ließ mich den Schmerz erneut erleben ... ich schluckte ...

Da stand er, ER! - Bei Gott, er war wirklich zurückgekommen!

Ich starrte ihn an - er stand ruhig da ... das Messer in seiner Hand ... „Warum, warum hast Du das getan?“, hauchte ich ihm mit zitternder Stimme entgegen. Ich schluckte abermals und konnte nicht länger stillhalten - ich schrie ihn an: „Warum, in Gottes Namen, antworte mir! Warum? Antworte mir - Priester!!!“

„Weil es sein Wille ist, mein Sohn! Er will es so ...  und was er sagt, das muss erfüllt werden ...

Wir alle wollen es so - wir alle ... Wir betreten dieses Haus, SEIN Haus, und wir beten zu ihm, uns von unseren Sünden zu erlösen. Wir geben unser Schicksal in SEINE Hände - ER soll unsere Sünden übernehmen - ER soll unser Leben vom Übel befreien ... Und wenn das Übel der MENSCH selbst ist - was, mein Sohn, was soll ER dann anderes tun? Wir wollen, dass er handelt, wenn wir rufen ‘Kyrie Eleison - Herr erbarme Dich!‘“

Samuel betrat den Raum des Priesters und wandte sich in Richtung Tür, die links vom Altar in die Kirche führte. Da hörte er eine Stimme - und erschrak ... Sam wählte in Eile eine Nummer, sprach ein paar knappe Worte in sein Handy, entsicherte seine Waffe und trat ein ...

Ich war von Wut und Zorn erfüllt - ich stand da und weinte ... Und ich fragte mich, ob er nicht recht hatte? Ob nicht wir Menschen das ‚Schicksal‘ selbst waren und uns selbst dieses Leid zufügten, für das wir immer jemand anderen verantwortlich machen wollen ...

„Du bist wahnsinnig, mein Freund. Du hast Dich an einem unschuldigen Leben vergriffen. Und damit an einem der wichtigsten Gebote. Heißt es nicht: ‚Du sollst nicht töten‘?“ Ich trat auf ihn zu: „Nun gut Priester, vollende Dein Werk ...“

Samuel hörte die Worte, öffnete die Tür und sah, wie verdammt nahe sein Freund vor diesem Priester stand. Ein schlimmer Gedanke keimte in ihm auf - oh nein, das sollte er nicht tun, nicht auch noch er! Er richtete die Waffe auf den Priester und schrie ihn an: „Lass das verdammte Messer fallen! Lass es fallen oder ich vergesse mich!“

Sam war da! Ich drehte kurz den Kopf, blickte ihn an, dann den Priester, der den Dolch zum Stoß umklammert hielt. „Okay, Priester, Du sollst Dein letztes Opfer haben!“ Ich sprang ihm entgegen ...

Samuel sah den Priester, den erhobenen Arm und noch einmal spielte sich alles vor seinen Augen in Sekundenbruchteilen ab, all dieser Schmerz, dieser Zorn, den er auf diesen Menschen projiziert hatte ... und er wusste, dass er schießen musste! Eine Stimme in ihm wollte, dass er schoss - jetzt!

Vor mir die Klinge, den Arm, den ich reflexartig ergriff und herumdrehte, dann ein Schuss - gefolgt von einem Schmerz, der mich gemeinsam mit dem Priester zu Boden gehen ließ ...

Samuel beobachtete die Szene vor ihm, die sich in Sekunden abspielte und ihm wurde klar, was geschehen war. Er war wie erstarrt. Was hatte er getan? Was für einen Tribut hatte dieser Ort von ihm gefordert? Zuerst seine Schwester, die seinen besten Freund heiraten wollte ... und nun auch er! Sam traten Tränen in die Augen. Er wankte vorwärts, ließ die Waffe fallen.

Ich lag neben dem Priester, das Messer steckte in seinem blutüberströmten Körper, seine Hand berührte mich ... Ich lauschte seinen Worten und spürte die Wärme seines Atems:

„Verzeih, verzeih mir, was ich getan habe - verzeih mir, denn ich kann es nicht ... aber es ist so mächtig, es ist in mir gewesen, es ist ein Teil von mir, ein Teil von jedem, und es kann jeden zu einer Bestie machen ... diese Stimme! Verzeih - denn ich habe mich von Gott abgewendet und werde nun vor sein Gericht bestellt ...“

Seine Stimme wurde schwächer - und brach ab ... Er war tot ... Er hatte sein letztes Opfer gefunden ... Seine Worte klangen in meinem Kopf. Waren das die Worte eines Wahnsinnigen gewesen?

Hatte ihn diese „Stimme“ - oder was auch immer es war - verlassen, um ihn in seinem Schmerz und der Erkenntnis der Falschheit seines Tuns zurückzulassen?

„Mike! Mein Gott Mike!“ Sam schluchzte auf. „Was habe ich nur getan? Warum musste es so enden? Vergib! Ich ... ich weiß nicht, was und warum - aber es war, als hörte ich eine - eine Stimme! Eine Stimme, die mich drängte, zu schießen ... wie soll ich es nur beschreiben? Es ging alles so schnell. Es ist nicht zu glauben!“

Aus der Ferne hörte ich Sirenengeheul. Sam hatte die Kollegen bereits verständigt.

„Danke Sam …“ Ich ergriff seine Hand ... er zitterte ...

„Sam, Sam - hör mir zu! Ich GLAUBE Dir! Ich habe die letzten Worte des Priesters vernommen. Er sprach ebenfalls von einer ‚Stimme‘. Das war kein Zufall!“

Ich blickte Samuel tief in die Augen und in dieser Situation des Schmerzes fand ich mich selbst wieder ... mein Kopf war klar und frei von quälenden Gedanken ...

„Sam, alles ist gut. Du hast nichts falsch gemacht. Ich hätte ebenso reagiert. Auch ich wurde von einer ‚Stimme‘ hierher zitiert, die ich mir nicht erklären konnte. Tagtäglich tun wir so vieles aufgrund innerer Stimmen, oftmals ohne nachzudenken, ob es richtig ist. Lass uns in Zukunft noch wachsamer sein, okay?“ Ich lächelte und verlor mein Bewusstsein …

 

Vier Jahre später
Heute

Julie´s Café
21. Dezember, 07:33 a.m.

Ich nahm einen Schluck Tee und schaute zu Samuel. Auch er schien etwas abwesend zu sein …

„Samuel.“, sagte ich.

„Ja?“, erwiderte Samuel, als hätte ich ihn geweckt.

„Denkst Du zufällig gerade an damals?“

Sam wirkte sehr ernst. „Ja, tu ich. Unschwer zu erraten, stimmt‘s? So traurig die Erinnerung ist, die wir beide damit verbinden, aber ...“

Samuel hielt kurz inne und ich spürte, dass es ihm zu schaffen machte.

„… dabei habe ich schon lange nicht mehr daran gedacht …“, fügte Samuel gedankenverloren hinzu.

„Glaubst Du, es hat etwas damit zu tun?“, fragte ich ihn nachdenklich.

„Nein, Mike. Das wäre etwas viel des Guten …“

„Hör zu, Sam, ich glaube, so sehr es sich auch nach Verrücktheit anhört, dass es etwas miteinander zu tun hat …“

„Was?“, erwiderte Sam erstaunt.

Ich konnte sein Unverständnis verstehen.

„Mike, ich weiß, dass es wirklich schrecklich war und wir beide haben damals viel mitgemacht. Aber ich weiß nicht, wie Du darauf kommst, dass …“

„Weil ich es spüre, Samuel! Ich spüre es in mir, wie damals! So wie damals, als ich Dich bat, mir den Gefallen zu tun. Verstehst Du? Es ist dasselbe Gefühl …“

„Hm …“, Samuel räusperte sich.

In mir kam eine Idee auf. Urplötzlich war sie da und ich konnte nichts dagegen tun. „Sam! Sam, ich hab´ eine Idee!“

„Was ist los, Mike? Was für eine Idee?“

„Lass uns hinfahren! Ich weiß, das klingt etwas verrückt, aber lass uns kurz hinfahren!“

„Mike, wo …“, Sam sprach es nicht aus, er wusste bereits wohin. „Nein!“

„Okay, dann fahr´ ich eben alleine. Aus irgendeinem Grund muss ich dort hin!“ Ich trank einen großen Schluck, um mich im Anschluss über mein restliches Essen her zu machen.

Samuel atmete tief durch. „Wieder so eine Art Eingebung?“

Ich nickte mit zusammengekniffenen Lippen. Es klang verrückt, ich wusste das, aber es gab einen Zusammenhang.

„Wenn es Dir so ernst ist, dann begleite ich Dich eben. Auch wenn es mir davor Angst und Bange ist. Aber jemand muss ja auf Dich aufpassen …“

Samuels Augen hatten einen Tränenschleier und auch ich hatte einen Kloß im Hals. „Lass uns zu Ende frühstücken, Samuel.“

Während in den Medien die Berichte über das Verschwinden des Corpus Christi vom Kruzifix diskutiert wurden, aßen wir fertig und blieben beide in Gedanken - in Erwartung dessen, was wir in der Kirche, wo wir vor vier Jahren so viel Leid erfahren hatten, vorfinden würden …

U.S.A., Washington, D.C.,
Außenministerium
21. Dezember, 07:42 a.m.

„Und ich sage Ihnen, es ist mir egal, was Sie sich einfallen lassen. Diese Menschen brauchen lediglich etwas, was eine leichte Erklärung bietet. Nicht mehr. Bekommen Sie das hin? Oder muss erst der Außenminister anklopfen, damit Ihnen etwas einfällt?“

Marcus Sayer nickte. „Ist in Ordnung. Ich arbeite etwas aus. Geben Sie mir eine Stunde.“

„Na also. Vergessen Sie nicht, die Menschen da draußen wollen wieder ruhig schlafen! Und ich auch!“

Der Politiker verließ den Raum und zurück blieb ein verunsicherter Staatssekretär. Wusste Gott alleine, was der Grund für all diese Aufregung war …

... Fortsetzung im Buch ...