Ein kleines Vorwort

Man sagt, die Zeit zwischen den Jahren sei eine besondere Zeit. Eine Zeit, in der die Menschen freundlicher und friedlicher als sonst sind. Eine Zeit, in der sie mehr auf ihr Herz hören als sonst. Eine Zeit der Besinnung …

Die Magie der Raunächte, der Zeit der Weihnacht und Neujahr, des Wechsels und Übergangs in ein neues Jahr, scheint uns Menschen die Möglichkeit zu geben, alles in Zukunft besser zu machen, wenn wir dies wollen.

Aber wie viel besser, das wissen wir oft selbst nicht, bis wir erleben, wie der Geist dieser Zeit uns wachküsst …

Die folgenden vier Geschichten handeln von dieser Zeit. Aber vor allem handeln sie von Menschen und ihrem Verhalten. Und am Ende steht vielleicht die Frage, ob wir uns nicht zu jeder Zeit SO verhalten könnten, wie wir es in jenen Zeiten tun?

Ich wünsche nun viel Spaß beim Lesen und Träumen!

Herzlichst

Michael Berg

Marie und Teddy Paul treffen Treti

Kapitel I
Von Rollern und Kuschelbären

Es war einmal ...

... ein alter Tretroller, der einsam und verlassen war. Denn der kleine Junge, der früher so oft mit ihm durch die Straßen und durch Wald und Feld gefahren war, hatte ihn irgendwann einfach nicht mehr zum Spielen abgeholt. Und nun stand er vergessen in der hintersten Ecke einer Garage.

Eines Tages, als nach langer Zeit jemand die Garage offen ließ, geschah etwas sehr Merkwürdiges, was allerdings niemand bemerkte – außer jenem Tretroller …

Ein Blitz schlug unvermittelt in die Garage ein und traf auf seiner Reise diesen kleinen Roller, der plötzlich erwachte.

Und obwohl er nichts sehen konnte und nicht verstand warum, weil er immer gut sehen konnte, beschloss er, sich auf die Erkundung seines Umfeldes zu begeben …

Er rollte ganz langsam aus der hintersten Ecke der Garage. Es war ein beschwerlicher Weg, denn ein Tuch war über ihm ausgebreitet. Und so musste er sich seinen Weg ‑blind- an allerlei Gerümpel vorbei bahnen.

Doch an einem Besen verfing sich ‑ Gott sei Dank – das Laken und fiel zu Boden.

Das Erste, was der kleine Roller erblickte, war ein alter Spiegel, der ebenso achtlos an der Wand anlehnte und mit Spinnweben übersäht war…

Da wurde der Tretroller traurig. Was war bloß aus der schönen alten Zeit geworden? Erinnerungen stiegen in ihm auf ...

Damals sauste er mit dem kleinen Jungen bei Wind und Wetter durch die Straßen. Sie trafen andere Freunde und waren gemeinsam unterwegs. Einen Ausflug mochte der Tretroller besonders gern: den Weg zu Markus Großvater. Denn immer wenn er mit Markus beim Großvater war, wurde er geputzt und gewienert. Das hatte ihm gut gefallen ...

Gedanken über Gedanken sausten durch den Tretroller ... und es schien, als kullere eine Träne an ihm herunter – oder war es eine hereinwehende Schneeflocke, die auf seinem Lenker gelandet war und schmolz?

Trotz dem Anflug von Trauer nahm der kleine Tretroller seinen ganzen Mut zusammen und machte sich auf den Weg aus seiner vertrauten Garage in die Welt hinaus ...

Unsicher und traurig, weil nichts mehr so schien, wie es einmal war ... auch trotzig, weil man ihn allein gelassen hatte und ein bisschen wackelig auf seinen kleinen Rädern, die leise quietschten. Was würde ihn da draußen erwarten?

... Fortsetzung im Buch ...

Engel-Kunde mit Marie

„Marie … Marie? Mariiiieeee!?

HAAAALLOOOOH, MARIE !“

Marie erschrak, riss die Augen auf und sah sich kurz darauf als Attraktion im Klassensaal. Sämtliche Mitschüler und Mitschülerinnen lachten laut. Vor ihr stand Lehrerin Ines und schaute halb fragend, halb besorgt in das irritierte kleine Gesicht von Marie, die wohl sehr weit weg gewesen sein musste ...

„Bist Du wieder bei uns, Marie?“, fragte sie und Marie nickte etwas beschämt und deutete ein Lächeln an. Das Lachen legte sich langsam. Und die Klassenlehrerin fragte weiter: „Marie, verrätst Du uns, wo Du die letzten 2 Minuten warst?“

Marie erschrak. Zwei Minuten! So etwas war ihr ja noch nie passiert. Sie schluckte und suchte etwas verzweifelt nach Worten. Die Stimmung war gespannt. Alle waren gespannt auf ihre Antwort. Marie schaute sich um, sah die fragenden Gesichter und dann direkt vor sich das von Lehrerin Ines, die sich vor dem Tisch gebückt hatte, um ihr in die Augen zu sehen.

„Ich ... ich ...“, fing sie nach Worten ringend an. „Ich war bei Gabriel!“ Erleichterung.

Gleichzeitig ging ein Raunen durch die Klasse. Alle schauten sich um. Gabriel? In der Klasse gab es nur einen Gabriel, der auch prompt beschämt den Kopf senkte, weil alle ihn anstarrten.

Doch Marie warf schnell noch ein: „Nein, nicht bei unserem Gabriel! Ich meinte, dass ich in Gedanken bei einem Gabriel war. Aber bei einem anderen ...“

„Ach soooo ...“, ging ein weiteres Raunen durch den Saal. Gabriel atmete aus, die Anspannung war vorbei. Alle schauten jetzt wieder zu Marie.

„Und bei welchem Gabriel warst Du, Marie?“, fragte die Lehrerin nach. „Es muss ja ein besonderer Mensch sein, wenn er Dich mitten im Religionsunterricht so stark beschäftigt, dass Du uns für zwei Minuten abwesend erscheinst ...“, hakte Lehrerin Ines nach.

„Es war kein Mensch, Frau Engel. Es war ... es war ...“ Marie stotterte. Als sie den Namen von Frau Engel aussprach, zuckte sie zusammen. DAS konnte sie doch nicht sagen. Man würde sie doch für verrückt halten!“

„Kein Mensch, Marie? Was war es dann? Ein Tier vielleicht?“ Frau Engel lächelte. Marie sah dennoch ihre Besorgnis und hörte sie ebenfalls aus ihren Worten heraus ...

„Nein, Frau Engel. Es war jemand, den ich nicht genau beschreiben kann. Aber er sagte mir, dass ich Ihnen ... Ihnen sagen solle, dass Sie darüber nachdenken müssen, woher ihr Name kommt ...“

... Fortsetzung im Buch ...

Marie baut einen Engel

Es war ein verschneiter Samstag. Millie und Bennie tollten vorm Haus herum und bauten einen Schneemann. Millie war 8, Bennie, der Nachbarjunge und Millies bester Freund, war 8 ½.

Sie waren ausgelassen wie immer, bis –

bis plötzlich ein Kind die Straße entlangkam. Zunächst bemerkten sie es nicht. Doch als es mit ungelenken Bewegungen auf sie zukam, schauten sie hin. Das Mädchen hatte einen sehr merkwürdigen Gang.

„Schau mal, Bennie“, sagte Millie, „was hat sie denn?“ „Keine Ahnung, Millie, vielleicht einen Unfall gehabt?“

Das Kind, es mochte im gleichen Alter sein wie die beiden, hielt vor ihnen inne und lächelte. „Hallo, ich bin Marie“, sagte sie freundlich. „Was macht ihr Schönes?“

„Wir bauen einen Schneemann“, sagte Millie. „Magst Du helfen?“

„Wirklich? Ich darf helfen?“, sagte Marie überrascht mit weit aufgerissenen Augen und schaute abwechselnd zu Millie und zu Bennie.

„Klar, wenn Du magst.“, sagte Bennie.

„Ja, mag ich – was soll ich tun?“, fragte sie freudig.

Millie zeigte ihr, wie sie Kugeln rollten und dann zusammensetzten. Bennie erklärte ihr, wie groß der Schneemann werden sollte.

„Und was ist mit seinem Gesicht?“, fragte Marie.

„Mit seinem Gesicht?“ fragte Millie zurück und schaute Bennie und dann Marie an. „Was soll damit sein?“, fragte auch Bennie.

„Na, wollen wir nicht auch sein Gesicht formen?“

„Na ja, wir wollten später eine Mohrrübe und Kohlestücke für die Augen und die Nase besorgen.“

„Hm“, sagte Marie, „und warum machen wir nicht ein schönes Gesicht aus Schnee?“

„Das haben wir noch nie probiert.“, sagte Millie und Bennie fügte hinzu: „Gute Idee. Magst Du das machen?“

„Ja, das würde ich gerne!“, strahlte Marie über beide Ohren.

Und so verbrachten die drei Kinder schöne Stunden zusammen und formten einen Schneemann, wie er noch nie in diesem Viertel zu sehen gewesen war.

Irgendwann fragte Millie ganz unvermittelt: „Sag mal Marie, darf ich Dich was fragen?“

... Fortsetzung im Buch ...

Feldmäuse in Not

Kapitel I
Es ist mausekalt da draußen!

Es war kurz vor Neujahr, als Treti und Paul im Hausflur standen und sich unterhielten. Teddy Paul hing in Maries Umhängetasche an der Lenkerstange.

Marie war beim Essen und wollte danach mit den Beiden noch raus zum Spielen.

Plötzlich bewegte sich etwas im Hausflur. Teddy Paul lugte aus der Tasche und Treti drehte um Millimeter sein Vorderrad. Was war das denn?

Und dann wuselte das „Etwas“ erneut über den Flur und blieb vor Treti sitzen, schnupperte und richtete sich auf.

„Hey, flüsterte Paul, wer bist Du denn?“

„Ich?“, entgegnete eine piepsige Stimme, während eine kleine Pfote die Barthaare streichelte. „Ich bin Mara – Mara Maus. Und wer bist Du?“

„Ich bin Paul, Teddy Paul. Und das hier ist mein Freund Treti.“, stellte Paul sich selbst und Treti vor.

„Treti Roller.“, sagte Treti und blitzte kurz mit seinen Scheinwerfer-Augen auf.

Darauf sprang die kleine Maus erschreckt zurück. „Hey, Du hast mich ganz schön erschreckt!“, fiepte sie.

„Tut mir leid, Mara, das wollte ich nicht.“, erwiderte Treti und ließ sich ein paar Millimeter zurück rollen.

„Na, schon gut. Was tut ihr zwei denn hier? Ihr seid schon seltsam, ein Teddy und ein Roller …“

„Wir warten auf Marie – und was tust Du hier?“, fragte Teddy Paul. Und Treti fügte hinzu: „Wir haben Dich hier noch nie gesehen!“

„Ja, ich bin neu hier. Ich suche nach einer neuen Wohnung – es ist jetzt ganz schön kalt da draußen, wisst ihr …“

„Hm“, sagte Paul, „kalt?“

„Was ist kalt?“, fragte auch Treti.

„Wollt ihr mich veralbern? Kalt ist, wenn man friert!“, sagte Mara Maus.

„Und was ist das – frieren?“, fragte Treti.

„Ach ja, ich vergaß – ihr zwei seid ja nicht echt …“

„Was meinst Du, wir sind nicht ‚echt‘?“, fragte Paul.

„Nun, ich bin am Leben – ihr aber seid …“

„Wir sind was?“, fragte Treti.

... Fortsetzung im Buch ...